30.6.06
29.6.06
Fett ist ein Geschmacksträger

Wie deutsche Brauereien dafür sorgen, dass während der WM nicht das Bier ausgeht, sieht man derzeit in jedem besseren TV-Wissensmagazin. Ein anderes unverzichtbares TV-Accessoire soll hier ins mediale Rampenlicht gerückt werden: Kartoffelchips.
Chips stehen zu Bier in einer symbiotischen Beziehung - das eine geht nicht ohne das andere: Chips schmecken zu Bier doppelt so gut, und erst der Verzehr mindestens einer Tüte fett frittierter Kartoffelscheiben schafft die nötige Grundlage für vermehrten Gerstensaftkonsum - vor allem während eines spannenden Fußballspiels.
Umso schlimmer, dass nun auch die beliebten Couch Potatos in die Mühlen des "Fit-und-leicht"-Wahns geraten sind. Von meinem Favoriten - "Chio Chips Red Paprika" - zum Beispiel steht seit geraumer Zeit nur noch die Variante "mit 30 Prozent weniger Fett" in den Regalen des heimischen Spar-Marktes. Der kalorienreduzierte Knabberartikel schmeckt genauso, wie er heißt: weniger.
Denn: "Fett ist Geschmacksträger und verlängert nach dem Essen das Sättigungsgefühl"(Quelle: netdoktor.at). Wer also Light-Chips futtert, wird nicht satt, isst folglich mehr und sieht am Schluss so aus wie vor nicht allzu langer Zeit noch Diego Maradona (der derzeit offensichtlich nicht nur mein liebstes Foto-, sondern auch Nummer-1-Hassobjekt ist, letzteres wegen seiner penetrant-orgiastischen Jubeltiraden während der Argentinien-Spiele):
Hasta luego, Argentinien
| Nettes Feature auf delta radio: Moderatorin und Sängerin Kaya singt jedem deutschen WM-Gegner ein Abschiedsständchen. Hier der passende Song für morgen, "Hasta luego, Argentinien".
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Entdeckt von Ingo S.
27.6.06
Der alte Mann und das Tor, oder: Das Gewinner-Gen

Zinedine Zidane, viel gescholten und von vielen schon abgeschrieben, schießt in der letzten Minute das 3:1 gegen Spanien - Schicksal mag man das nennen, oder auch eine Geschichte, wie sie nur der Fußball schreiben kann. Ich nenne es: das Gewinner-Gen.
Wenn man sich die WM-Historie anschaut, war es überhaupt nur eine Handvoll Mannschaften, die jemals den Pokal in Händen hielt: Brasilien, Italien und Deutschland, dann noch zweimal Argentinien und in grauer Vorzeit ebensooft Uruguay, singulär England und Frankreich. Insgesamt aber eine sehr überschaubare Menge an Titeltägern - nichts zu sehen von jenen Teams, die mit schöner Regelmäßigkeit als "Geheimfavoriten" gehandelt werden: Holland, in letzter Zeit auch gern Tschechien - oder eben die Spanier, die heute nach furioser Vorrunde wieder einmal vorzeitig ausgeschieden sind. Ihnen fehlt weder das Spielermaterial noch die taktische Reife, sondern eben das besagte Gewinner-Gen, jene Mischung aus Willensstärke, Cleverness und Chuzpe, welche die anderen Fußball-Nationen jeweils zum Erfolg führte.
Europäische Mannschaften sind übrigens nicht die einzigen, die unter diesem Defizit leiden. Auch die afrikanischen Teams blieben diesmal wieder weit hinter den Erwartungen zurück. Seit den Olympiasiegen von Nigeria 1996 und Kamerun 2004 geistert das Phantom des "ersten afrikanischen Weltmeisters" durch die Medien - gesehen hat es aber keiner. Togo, Tunesien, Angola und die Elfenbeinküste schon in der Vorrunde ausgeschieden, Ghana 0:3 gegen Brasilien - die Abschlussschwäche der Afrikaner war auch diesmal wieder Symptom ihrer Unfähigkeit, in wichtigen Spiele durch Einsatz und Kampf den Erfolg zu erzwingen. In Afrika bleibt also alles beim Alten: Kein Pogo in Togo, Coca-Cola statt Champagna in Angola. Zum Trost hier die Sportfreunde Stiller mit einem United-Balls-Cover:
... noch mehr Fußball-Fashion
Auch die Kollegen von Riesenmaschine.de scheinen vom Thema WM-Trikots fasziniert zu sein. Ihnen haben es dabei vor allem die karierten Varianten angetan:

Permalinks: Kroatischer Fan| Van der Sar
26.6.06
Bärentöter
Zum Tod des Braunbär-Renegaten Bruno hier ein sehr sehenswertes Netzfundstück, das Björn auf Webchew ausgegraben hat.
Übrigens: Dem auch als "JJ1" bekannten Bären ist sogar schon ein Wikipedia-Eintrag gewidmet, der u.a. die Herkunft des kryptischen Namens-Akronyms erklärt. Lesenswert.
Stilkritik: Die Trikots der WM 2006

1990 wurde Deutschland zwar Weltmeister - doch ein schlimmer Schandfleck haftet diesem Triumph noch heute an: die unsäglichen Trikots. Jedes Bild jubelnder Brehmes, Klinsis und Buchwalds wird von dem unmotiviert über die Brust zuckenden schwarzrotgelben Streifen verunstaltet - man kann nur hoffen, dass der damals zuständige Adidas-Designer diesen modischen Fauxpax beruflich nicht überlebt hat.
Die aktuellen 2006er-Trikots der Nationalelf sind kaum besser: Der Versuch von Adidas, das "Slipeinlagen"-Design des Teamgeist-Balls auf die Spieler-Jerseys zu übertragen, darf als gescheitert gelten - aber auch die anderen Sportausrüster tun sich bemerkenswert schwer, nach dem Abebben der Retrowelle zu einer neuen Farben- und Formensprache zu finden. Ganz schlimm Nikes Auswärtstrikot für Holland: Ein breiter Diagonalbalken zerteilt das Jersey, das Verbandsemblem wirkt wie aufgepappt, die blockigen Spielernummern hätte der Zeugwart mit etwas farbigem Klebeband selbst genausogut hinbekommen.
Für den einzigen modischen Lichtblick sorgen zwei Mannschaften, die von einem der kleineren Sportartikelhersteller (Umbro) ausgerüstet werden: Schweden und England. Die Kreuzsymbole der jeweiligen Landesflaggen verwandeln sich auf dem Trikot in schicke Schulterapplikationen - dezent, aber trotzdem mit Hinguckerqualität. Schade nur, dass die Schweden schon und England (hoffentlich bald) ausgeschieden sind.
25.6.06
Kleine Presseschau nach dem Schweden-Sieg
Die heutige Schlagzeile von Bild.de bringt's auf den Punkt.
Auch die Süddeutsche jubelt und titelt mit den Sportfreunden Stiller: "Das Herz in der Hand, die Leidenschaft im Bein". In den "Stimmen zum Spiel" kommt sogar Günter Grass zu Wort: „Die ersten 25 Minuten sind unvergesslich. Es war sehr ästhetisch. Die Stimmung war wunderschön und ansteckend. Ich finde Klinsmann wunderbar". An gleicher Stelle resümiert der sachkundige Berti Vogts:
Persönlich am schönsten finde ich aber die Tatsache, dass die WM offenbar nicht nur mit sportlichen, sondern auch mit nationalen Stereotypen über das Gastgeberland aufräumt. Wieder auf Spiegel.de steht zu lesen, dass ein britischer (!!!) Kommentator den Deutschen "erstaunlichen Sinn für Humor" bescheinigt. "Er habe bisher, meist durch die britischen Medien, den Eindruck gehabt, die Deutschen seien ernst und könnten nicht feiern. 'Das ist dauerhaft aus meinem Denken gelöscht.'"
„In den letzten fünf, sechs Jahren gab es keine Mannschaft, die so gut gespielt hat wie unsere heute in den ersten 45 Minuten. Das Resultat für die Schweden ist noch schmeichelhaft. Es hätte auch 5:0, 6:0 stehen können. Ich habe von Anfang an gesagt, dass die Mannschaft von 80 Millionen Fans getragen wird und ich ihr einiges zutraue.“
23.6.06
Zur Lage der Nation
Die Gruppenphase ist vorbei, die KO-Runden stehen vor der Tür - Deutschland kann jeden Moment ausscheiden. Zeit, Zwischenbilanz zur WM zu ziehen, und keiner tut das besser als Achim Achilles in seiner Sport-Kolumne auf Spiegel-Online. Sein Fazit:
die Reklame: Zweifellos der größte Erfolg. Nie blieb Werbung drumherum so gnadenlos unbeachtet. Da ist Maskottchen Goleo, das aussieht wie Kurt Beck als Juso - totaler Flop. Oder Herbert Grönemeyers Hymne ("Zeit, das sich was dreht"), die sich immer dann dreht, wenn man gerade mitgrölen will - kompletter Reinfall. Ganz bizarr die US-Firma Avaya, die in jedem Stadion eine Werbebande stehen hat - bis heute weiß kein Stadionbesucher, was diese Firma treibt (IT-Branche). Und schließlich die US-amerikanische Brauerei, die dafür sorgt, dass in den Stadien statt Bier nur ein bernsteinfarbenes Kaltgetränk serviert wird, das Kopfschmerzen macht, aber nicht betrunken. Der Erfolg: keine Besoffenen, keine Schlägereien. Das ist mal schlau. Wo die Marketing-Maschine so dermaßen versagt, da fühlt der Fan sich auch nicht veräppelt. Für unsere Sponsoren daher eine Eins plus.
Einen Halbzeitstand aus ganz anderer Perspektive bietet Depressionsbarometer.de, eine Website, die das Abschneiden der deutschen Elf mit der Kollektivstimmung der Nation in Korrelation bringt. Einfach an der kurzen Online-Umfrage teilnehmen (die übrigens von der Usability her noch stark verbesserungswürdig ist) und selbst zum Meinungsbild beitragen. Derzeit liegt das Barometer mit knapp 25 Punkten im "Normalbereich", das ist allerdings
erklärbar und verstehbar aufgrund von Lebensereignissen wie Erkrankung, Liebeskummer etc.; wer würde nicht auf die Diagnose einer schweren Krankheit mit einer eher niedergeschlagenen Stimmung reagieren; doch das liegt innerhalb des Normbereichs zu erwartender Reaktionen.
Schau mer mal, wie das deutsche Befinden morgen nach dem Schweden-Spiel aussieht.
... und noch mehr Fußballzwillinge
Kein Thema scheint die Fantasie so zu befeuern wie WM-Kicker und ihre prominenten Zwillinge. Hier drei Einsendungen von Andreas K., aka "kennt Fußballer, deren Namen unsereins nicht mal aussprechen kann":
22.6.06
2 possierliche Kerlchen
Hier auf Anregung von Berend "The Brain" noch eine weitere Wiedergänger-Variante: Oliver Neuville und sein tierischer Freund.
(Fotos (c) www.oliverneuville.de, www.ralf-broda.de/)
21.6.06
20.6.06
19.6.06
Herzensangelegenheit: Nationalhymnen bei der WM
Südkoreanische Fußballer wenden sich Ihrer Fahne zu, legen die Hand aufs Herz und singen den Text ihrer Hymne mit geschlossenen Augen mit. Ganz anders die Deutschen, deren eher lässig-informelle Kollektivumarmung mittlerweile von vielen anderen Teams kopiert wird. Am pathetischsten geben sich aber zweifellos die Mexikaner: Beim Absingen wird der Arm angewinkelt, die Handkante über der Brust gespreizt und dem Herzen damit sozusagen salutiert - kein Wunder, heißt ihre Hymne doch "Mexikaner, zum Schrei des Krieges!".
Selbst in deutschen Wohnzimmern ist es gang und gebe, bei den ersten Takten von "Einigkeit und Recht und Freiheit" aufzustehen und - je nach Alkoholisierungs- und proportionalem Enthemmungsgrad - den Text auch lauthals mitzusingen. Hätte einem das vor der WM noch peinliche Blicke eingebracht, sind solche patriotischen Gesten im Zuge der neuen Nationaleuphorie mittlerweile nicht nur erlaubt, sondern gehören fast zum guten Ton.
Natürlich ist auch das Thema Nationalhymne nicht sicher vor der Regulierungswut der FIFA. So hatte das deutsche Verteidigungsministerium im Vorfeld der WM angeboten, die Stücke bei den Spielen live vom Musikkorps der Bundeswehr performen zu lassen. Die FIFA lehnte ab: Das Reglement des Fußball-Weltverbands schreibt nämlich vor, dass die Hymnen nur vom Band eingespielt werden dürfen.
Vor musikalischen Pannen ist die FIFA aber dennoch nicht gefeit, wie das Match Südkorea - Togo zeigte: Statt der togolesischen Hymne wurde vor dem Spiel zweimal die koreanische abgespielt. Prompt legte der Verband Togos Protest ein, beklagte "negative Auswirkungen" auf die Motivation seiner Spieler und verlangte eine öffentliche Entschuldigung der FIFA. Als ob Togo keine anderen Sorgen hat...
15.6.06
I, Robot
Seine Beine sind dünn wie Besenstiele. Das Trikot hängt an den Schultern wie an einem Kleiderbügel. Der Mann hat überhaupt keinen Arsch. "Halbes Hemd" würde man ihn normalerweise nennen, einen Hänfling - wenn Peter Crouch nicht zwei Meter groß wäre. Er ist riesig - und er hat bei England vs. Trinidad&Tobago das 1:0 geschossen.
Als Kind wurde Crouch bestimmt viel gehänselt. Sein langer Körper wirkt bizarr - normale Schoner reichen bei ihm gerade bis zur Hälfte des Schienbeins. Zu allem Überfluss bedeutet "Crouch" auf Deutsch auch soviel wie "kauern", "sich ducken" - eine ideale Angriffsfläche für Spitznamen und Puns. Crouch hatte es schwer, auch im Fußball: Sowohl in seinem Club - Liverpool - als auch im englischen Nationalteam stand er lange in der Kritik. Er galt als linkisch, als mechanischer Rumpelfüßler - obwohl der Stürmer bei näherem Hinsehen eigentlich über eine gute Technik verfügt.
Das alles änderte sich, als Peter Crouch den "Robot Dance" erfand. Urspünglich in typisch britischer Selbstironie auf einer Privatparty kreiert, bejubelte Crouch auch sein nächstes Ligator mit den ruckartigen Breakdance-Moves. Seitdem ist der Schlaks Kult - sein "Robot" wird in Discos nachgetanzt, sogar dem Kronprinzen William musste Peter Crouch eine Kostprobe seines Könnens geben.
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England hätte ich es übrigens gegönnt, wenn sie ausgeschieden wären. Auch im Poll liegen die Männer mit den Three Lions auf der Brust ganz vorn in der Unbeliebtheitsskala. Sie haben zwar mit ähnlich viel Willenskraft gewonnen wie die Deutschen gegen Polen, doch im Gegensatz zu England hat unsere Elf gut gespielt. Im Achtelfinale können Beckham & Co. gern kommen.
Deutschland - Polen 1:0 - Die Stimme zum Spiel

"Ich freu' mich riesig, dass wir das Spiel gewonnen haben." Als David Odonkor diesen Satz beim Interview mit Monica Lierhaus zum dritten Mal wiederholte, begann ich mitzuzählen. Odonkor enttäuschte die Erwartungen nicht: Gebetsmühlenartig fing beinahe jede seiner Antworten mit diesem Satz an und hörte damit auch wieder auf - egal, wonach Frau Lierhaus eigentlich gefragt hatte. Am Ende sagte er seinen Spruch glaube ich sechs oder sieben mal auf.
Unser Siegtor-Vorbereiter reiht sich damit nahtlos ein in die Radebrecher-Riege im deutschen Sturm. Denn auch Poldi, Neuville und Klose sind eher für verbale Flachpässe denn für rhetorische Höhenflüge bekannt - rechts ein brilliantes Poldi-"Frühwerk" aus YouTube.
Unseren Stürmern - und auch manch anderem im Kader (Schweini!!) - sei deshalb das "VDV Medientraining" der Spielergewerkschaft ans Herz gelegt. Auch ja-gut-aeh-ich-sag-mal.com bietet gutes Anschauungsmaterial, wie man's denn nicht machen soll.
Übrigens: Auch ich freu' mich riesig, dass wir das Spiel gewonnen haben.
Tags: Odonkor DFB Nationalelf Rhetorik
14.6.06
Fanfest Hamburg: Staub statt Samba
Berlin feiert das FIFA Fanfest vor dem Brandenburger Tor, München jubelt im Olympiapark, in Frankfurt steht die Videoleinwand sogar mitten im Main. Und in Hamburg? Da hat man sich für das Heiliggeistfeld entschieden - Nicht-Hanseaten sei gesagt, dass diese trostlose graue Fläche außerhalb der WM entweder als Park- oder als Rummelplatz genutzt wird. Eine ziemlich fantasielose Standortwahl also - und zumindest beim Spiel Brasilien - Kroatien schlug sich dies auch auf die Stimmung der Fans nieder.
Nur wenig war zu spüren von südamerikanischer Lebensfreude, auch die Begeisterungsfähigkeit der kroatischen Fans schien sich dem eher mittelprächtigen Spiel anzupassen. Letzteres konnten die Zuschauer allerdings nur durch einen dunstigen Staubschleier sehen - der vom Kaiserwetter der letzten Tage ausgedörrte Boden legte sich wie eine Nebelwolke über das Heiliggeistfeld und sorgte für schmutzige Klamotten und verstopfte Atemwege.
Wer einen Platz auf den Tribünen ergattert hatte, durfte eigentlich während des Spiels weder aufs Klo noch zum Bierholen gehen: Bei der Rückkehr verweigerten einem muskelbepackte Türsteher nämlich beharrlich den Einlass - fünf Bier gleichzeitig in den bis ans Limit gespreizten Händen zu halten geriet in der Situation zur körperlichen Qual.
Fazit: Deutschland - Polen wird heute zuhause geschaut, da kann man auf Toilette gehen, sooft man will, und das Bier wird einem (hoffentlich) ans Sofa gebracht ;-)
Linktipp: Rollinhos "Sinnfrei 2.0"-Blog (Dank auch fürs Fotomaterial)
13.6.06
Ich guck' in die Röhre!

Obwohl mein derzeitiger Fernseher a) ziemlich groß, b) ziemlich neu und c) ziemlich 16:9 ist, hatte auch ich mich vom Werbehype beinahe übertölpeln lassen und ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, zur WM einen Flachbild-TV anzuschaffen. Gottseidank konnte ich dem Reklamerummel aber widerstehen - denn, so zitiert Spiegel Online jetzt einen Stiftung-Warentest-Experten:"Nach unseren aktuellen Tests kann ich sagen, die Flachbildschirme stecken eher noch in den Kinderschuhen." Die Röhrengeräte seien "billiger und schneiden bei der Bildqualität eher besser ab".
Einfacher Grund für die Misere: Plasma- und LCD-Fernseher können ihren technischen Vorsprung erst dann zur Geltung bringen, wenn auch das TV-Signal hochauflösende digitale Bilddaten liefert. Etwa 80 Prozent der Deutschen empfangen ihr Signal aber nach wie vor analog und in PAL - was gerade bei Fußballübertragungen im Free-TV dazu führt, dass schnelle Kameraschwenks und flinke Ballstaffetten von den High-Tech-Geräten verwischt und grisselig dargestellt werden. Also: Besser noch zuwarten und erst zur WM 2010 einen schicken Flachfernseher kaufen - spätestens dann wollen nämlich alle Sender auch Fußball in HD-Qualität ausstrahlen.
Makabrer Nebenaspekt des Flachbild-Hypes: Wegen mangelnder Nachfrage steht das Panasonic- Bildröhrenwerk in Esslingen vor der Schließung. Aus Protest dagegen sind jetzt mehrere Mitarbeiter in einen Hungerstreik getreten.
12.6.06
WM 2006: Das erste Wochenende
Besser hätte die lang erwartete Weltmeisterschaft nicht losgehen können: Traumwetter, ein mitreißender deutscher Sieg und fantastische Stimmung allerorten.
So auch am Samstag beim Spiel England - Paraguay: Jene "Lads", die fürs Match keine Karten mehr bekommen hatten, besetzten die Frankfurter Innenstadt und verwandelten den Römerberg in ein rotweißes Farbenmeer aus Georgskreuz-Flaggen und sonnenverbrannten nackten Oberkörpern. Kreuzungen verwandelten sich in Straßenfußball-Bolzplätze, großartige Atmosphäre auch in der public viewing area mit den Videoleinwänden mitten im Main. Die im Vorfeld befürchteten Ausschreitungen britischer Hooligans blieben komplett aus - dank des englischen Siegs, aber auch aufgrund der starken Polizeipräsenz.
Wobei die Sicherheitskräfte aber - der allgemeinen Stimmung entsprechend - betont gelassen und entspannt auftraten und sogar zusammen mit britischen Polizisten Streife liefen. Die schlimmsten "Eskalationen" waren ein paar verrückte Fans, die nach dem Spiel von den Mainbrücken sprangen und dann von der Wasserwacht rausgefischt werden mussten - "that's fucking dangerous", wie eine deutsche Polizistin die Engländer per Megaphon warnte.
8.6.06
Merkel zum Runterladen
Es ist ein alter Wunsch der Politik, direkt und nicht über die Medien mit dem Volk zu kommunizieren. Nachfolgerin Angela Merkel hat nun ihren eigenen, zeitgemäßen Weg der direkten Ansprache der Bevölkerung gefunden. Unter www.bundeskanzlerin.de wird künftig eine bis zu drei Minuten lange Videobotschaft der Kanzlerin zu einem aktuellen Thema zum Herunterladen zu finden sein. Den Auftakt macht eine Erklärung Merkels zur Fußballweltmeisterschaft, die am heutigen Donnerstag ab 16 Uhr verfügbar sein soll. Ab der nächsten Woche soll es dann jeden Samstag ein neues Merkel-Video geben.
7.6.06
Fußballsongs zur WM

Kurioser Nebeneffekt der WM im eigenen Land: Fußballsongs haben (wieder) Konjunktur. Blickt man heute z.B. auf die MTV-Charts, so finden sich in der "Startelf" ganze fünf (!) Songs aus dem Dunstkreis der Fußball-WM: zwei Lieder featuring das unsägliche Fifa-Maskottchen Goleo, den offiziellen deutschen Beitrag, Grönemeyers ethno-angehauchtes "Zeit, dass sich was dreht", sowie Olli Pochers "Schwarz und Weiß" und "54, 74, 90, 2006" von den Sportfreunden Stiller.
Während zumindest die beiden letztgenannten Songs so etwas wie Subkultur-Charme versprühen, war das bei früheren Endrunden noch ganz anders: Bis zum WM-Gewinn 1990 kam die musikalische Turnieruntermalung ausschließlich staatstragend offiziell daher - gern erinnert man sich etwa an die DFB-Hymne von 1978, "Buenos Dias, Argentina", in der Udo Jürgens und die Nationalelf das "Band der Harmonie" mit der damaligen Militärdiktatur Argentinien knüpfen wollten. 1994 noch eine bizarre Kooperation mit den Village People, danach war dann aber liedtechnisch erst mal Sendepause. Wahrscheinlich war dem DFB das Ganze auf Dauer einfach zu peinlich geworden.
1996 ein erstes Aufflackern deutschen Fußballliedgutes der neuen Generation: Die frischgebackenen Europameister schmetterten das englische "Football's Coming Home" bei ihrem triumphalen Empfang in der Heimat so inbrünstig vom Frankfurter Römer, dass man ihnen die zahlreichen schiefen Töne gern vergab. Bei den eher peinlichen Auftritten der Deutschen 1998, 2000 und 2004 gab es dann leider wieder nicht allzuviel zu besingen.
Nun also die Renaissance des WM-Liedes, und im Gegensatz zu früher ist diesmal auch durchaus Hörenswertes dabei: Die Sportfreunde warten mit "54, 74, 90, 2006" nicht nur mit schöner Zahlenmystik auf (54x74-1990=2006), sondern bringen auch die geheimen Wünsche des deutschen Fans genau auf den Punkt:
Beim ersten Mal wars 'n Wunder,
beim zweiten Mal wars Glück,
beim dritten Mal der verdiente Lohn
und diesmal wirds 'ne Sensation
Olli Pocher hat sich ebenfalls eine richtige Mitgröl-Hymne ausgesucht: "Schwarz und Weiß" stammt allerdings nicht von dem Pro-7-Comedian selbst, sondern wurde zusammen mit der Formation Frameless eingespielt, die das Original "Black & White" schon zur EM 2004 als offizielle DFB-Fanhymne gesungen hatte. Wahrscheinlich ist diese Songauswahl auch der wahre Grund, dass Klinsis Männer statt - wie angedroht - in roten Trikots nun doch bei der WM mit den traditionellen schwarzweißen Leibchen antreten werden.
Linktipp: Fußballsongs bei FC45
24 - Ausblick auf Staffel 6
24 ist eine meiner absoluten Lieblingssendungen im TV - wobei allerdings ab der 3. Staffel schon zu beobachten war, wie das ursprünglich "revolutionäre" Konzept der Serie mit jeder Folge weiter ins Leere lief: Die Komprimierung des Geschehens auf 24 Stunden Echtzeit, bis in die höchsten US-Regierungskreise reichende Verschwörungen, das fikitonale Spiel mit der realen Terrorangst nach 9/11 - all diese plot devices funktionierten schon damals nur noch, wenn man sich ganz bewusst auf den "suspense of disbelief" einließ und sich nicht den Kopf darüber zerbrach, wieso ausgerechnet jener CTU-Agent, der Jack Bauer anfangs noch aus jeder tödlichen Falle heraushalf, sich am Ende als der größte Gauner von allen herausstellt.
(Vorsicht: ***Spoiler***)
Wie gesagt - obwohl auch die späteren Staffeln handwerklich perfekt und vom Unterhaltungswert her erstklassig waren, stellte sich allmählich dieser Abnutzungseffekt ein - und lange Zeit sah es so aus, als ob auch die (in den USA schon komplett ausgestrahlte) 5. Staffel hier keine Ausnahme darstellen würde. Sie trieb die Absurdität des Plots sogar noch auf die Spitze : Als Oberterrorist (und wer sich die Spannung erhalten will, darf hier jetzt nicht weiterlesen) entpuppt sich nämlich der amerikanische Präsident höchstpersönlich. Wie - so fragte man sich - wollen die schon angekündigten nächsten Staffeln 6 und 7 das noch toppen?
Die letzten 5 Minuten der Staffel-5-Finalfolge brachten die Antwort: Jack Bauer wird - nachdem er wieder einmal Los Angeles, die USA und eigentlich auch die ganze Welt gerettet hat - von den Chinesen aus Staffel 4 entführt, gefoltert und per Containerfrachter nach China verschifft - Destination: Arbeitslager. Schlimm für Jack, gut für den Zuschauer, bringt diese Entwicklung doch hoffentlich den lang herbeigesehnten Bruch mit ausgeleierten 24-Handlungsschemata: Statt Agentenhatz in Amerika nun Frondienst im Fernost-Gulag, ein Ausbruchsversuch a la "The Great Escape", die Flucht durch die chinesische Steppe, dann noch eine Affäre mit einer mandeläugigen Politkommissarin, während Chloe und Audrey daheim in LA verzweifelt versuchen, den guten Jack per Handy-Satelliten-Upload zu retten. Die Möglichkeiten von 24 scheinen nun fast wieder unbegrenzt, mit einem eleganten Schlenker hat man sich aus den festgefahrenen Plotstrukturen herausmanövriert. Gratulation an die Drehbuchautoren - nur: Wie will man das alles wieder in 24 Stunden unterbringen?
Linktipp zu 24: Blogs4Bauer


















